Neben der Verschiebung von Altersstrukturen ist vor allem durch die Zunahme von chronischen Erkrankungen ein starker Anstieg der Pflegebedürftigkeit zu erwarten. Nach Vorausberechnungen werden deutschlandweit im Jahr 2030 etwa 3,68 Millionen, im Jahr 2050 sogar bis zu 4,6 Millionen Menschen pflegebedürftig und somit auf externe Hilfe angewiesen sein (Menzel-Begemann 2015, S. 103). Während im Jahr 1999 circa 1,4 Millionen pflegebedürftige Menschen im häuslichen Setting versorgt wurden, stieg die Anzahl an häuslich versorgten Pflegebedürftigen in Deutschland im Jahr 2019 auf 3,3 Millionen an und ist damit knapp dreimal so hoch (Radtke 2019, S. 19).
Lebenswelt von neurologisch betroffenen Patient*innen
Patient*innen, die einen Schlaganfall erleiden, erleben eine drastische Veränderung ihrer Autonomie. Körperliche und kognitive Einschränkungen führen oft zu Scham, Zukunftsängsten und dem Gefühl fehlender Kontrolle. Ohne gezielte Intervention drohen soziale Isolation und Stigmatisierung.
Hier spielt die Selbstwirksamkeit eine Schlüsselrolle: Personen, die an ihre eigene Kraft zur Bewältigung glauben, setzen sich höhere Ziele und erholen sich schneller von Rückschlägen.

Lebenswelt von pflegenden Angehörigen
Während die Situation von Außenstehenden häufig als stabil empfunden wird, sind Familienkonstellationen mit Abhängigkeitsverhältnissen von Familienangehörigen auf mikrosozialer Ebene oft konfliktbelastet und gehen mit potenzieller Überforderung der Pflegeperson einher. Dies gilt insbesondere für asymmetrische Konstellationen mit einer dauerhaften oder langanhaltenden Hilfebedürftigkeit (Stegbauer und Häußling 2010, S. 718).
Im Rahmen einer Umfrage zu Lebensumständen pflegender Angehöriger zeigt sich, dass 67 % der befragten Pflegenden eine sehr große oder eher große gesundheitliche Belastung bei der Pflege verspüren. Bei alleinig zuständigen Pflegenden beträgt dieser Anteil 81 %. Eine große bis sehr große seelische Belastung wird von 59 % der Befragten empfunden. Die Umfrage zeigt außerdem, dass es sich bei den Gepflegten meist um ein Elternteil, gefolgt von Ehe- bzw. Lebenspartner*in, handelt (Wangler und Jansky 2019, S. 445).
Ein höherer Bildungsgrad korrelierte in einer Studie vom Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung (FGW) (2018) mit einer höheren Inanspruchnahme und einem besseren Zurechtfinden im Pflegesystem sowie dem Aufbau neuer Routinen. Der Eintritt in eine neue Pflegesituation war für alle sorgenden Angehörigen zunächst gleich-ermaßen unbekannt und löste Hilflosigkeit aus. In diesem Zusammenhang wird von An-gehörigen der Wunsch nach persönlichem Kontakt sowie einer konstanten Beratung und Kooperation geäußert. Unterstützung musste erkämpft werden, wobei oft die Kraft und die Zeit fehlte (FGW 2018, S. 31–32).
Pflegende Angehörige in der Therapie
Obwohl Angehörige den Therapieerfolg maßgeblich beeinflussen, werden sie oft noch als „Störgröße“ wahrgenommen. Fachpersonal muss die Familiendynamik jedoch aktiv einbeziehen. Nur so kann ein positiver Beitrag zur Lebensqualität beider Seiten geleistet werden.
Die Rolle der Physiotherapie
In der Behandlung schwer betroffener Patient*innen handeln Physiotherapeut*innen als Manager und Kommunikatoren (gemäß CanMEDs Modell). Sie bieten den Raum, um Wünsche und Ziele zu äußern, die im Alltag oft untergehen.
Der Fokus muss auf der Einheit liegen: Brechen Angehörige aufgrund von Überforderung ein, hat dies direkten Einfluss auf die Situationsbewertung und den Fortschritt der Patient*innen.