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Pflegende Angehörige, schwer betroffene pflegebedürftige Patient*innen und die Physiotherapie

Von Alexa von Bosse | Fachartikel
Betreuung und Therapie pflegebedürftiger Menschen
Neben der Verschiebung von Altersstrukturen ist vor allem durch die Zunahme von chronischen Erkrankungen ein starker Anstieg der Pflegebedürftigkeit zu erwarten. In Deutschland werden im Jahr 2050 bis zu 4,6 Millionen Menschen auf externe Hilfe angewiesen sein.

Besonders relevant: Vier von fünf Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt – größtenteils durch Angehörige.

Lebenswelt von neurologisch betroffenen Patient*innen

„Plötzlich ist nichts mehr, wie es war.“

Patient*innen, die einen Schlaganfall erleiden, erleben eine drastische Veränderung ihrer Autonomie. Körperliche und kognitive Einschränkungen führen oft zu Scham, Zukunftsängsten und dem Gefühl fehlender Kontrolle. Ohne gezielte Intervention drohen soziale Isolation und Stigmatisierung.

Hier spielt die Selbstwirksamkeit eine Schlüsselrolle: Personen, die an ihre eigene Kraft zur Bewältigung glauben, setzen sich höhere Ziele und erholen sich schneller von Rückschlägen.

Lebenswelt von pflegenden Angehörigen

Angehörige treten oft über Nacht in eine Doppelrolle: Sie sind Ressourcengeber und gleichzeitig selbst Hilfebedürftige. Diese Belastung verschiebt Rollenverteilungen innerhalb des Familiensystems und führt oft zur Vernachlässigung eigener Bedürfnisse.

Herausforderung Langzeitbetreuung
Asymmetrische Konstellationen mit dauerhafter Hilfebedürftigkeit sind oft konfliktbelastet. Wut oder verbale Abwehr des zu Pflegenden fordern die seelische Widerstandskraft der Angehörigen massiv heraus.

Pflegende Angehörige in der Therapie

Obwohl Angehörige den Therapieerfolg maßgeblich beeinflussen, werden sie oft noch als „Störgröße“ wahrgenommen. Fachpersonal muss die Familiendynamik jedoch aktiv einbeziehen. Nur so kann ein positiver Beitrag zur Lebensqualität beider Seiten geleistet werden.

Die Rolle der Physiotherapie

In der Behandlung schwer betroffener Patient*innen handeln Physiotherapeut*innen als Manager und Kommunikatoren (gemäß CanMED Modell). Sie bieten den Raum, um Wünsche und Ziele zu äußern, die im Alltag oft untergehen.

Der Fokus muss auf der Einheit liegen: Brechen Angehörige aufgrund von Überforderung ein, hat dies direkten Einfluss auf die Situationsbewertung und den Fortschritt der Patient*innen.

Pflegende Angehörige sind als Wirkfaktor im Rehabilitationsprozess anzusehen. Eine offene und wertschätzende Kommunikation auf Augenhöhe ist die Grundlage jeder dauerhaften Zusammenarbeit.

Literaturverzeichnis

  • BAGSO (2021): Entlastung für die Seele – Ein Ratgeber für pflegende Angehörige.
  • DEGAM (2020): Schlaganfall S3-Leitlinie. AWMF-Register-Nr. 053-011.
  • Feichtner, A. (2020): Häusliche Pflege und die Rolle(n) der Angehörigen. Nomos.
  • Hoffmann, M. et al. (2022): Angehörigenbetreuung auf Intensivstationen. Medizinische Klinik.
  • Menzel-Begemann, A. (2015): Edukative Unterstützung Pflegebedürftiger und ihrer Angehörigen. Beltz Juventa.
  • Statistisches Bundesamt (2022): Pflegebedürftige in Deutschland.
  • von Bosse, A.; Richter, R. (2021): Häusliches (Zusammen-)Leben nach schwerem Schädel-Hirn-Trauma. In: neuroreha.

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Alexa von Bosse

Physiotherapeutin

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